Ein Auffangbezirk für die Angeschwemmten
Der Grazer Bezirk Gries wird oft als ein Ort beschrieben, an dem Menschen stranden, ankommen, neu beginnen. In der Missio-Zeitschrift wurde er einmal treffend als ein „Auffangbezirk für die Angeschwemmten, in Graz Gestrandeten“ bezeichnet. Genau hier, inmitten von Verkehrsachsen, günstigen Mieten und einer bunten Mischung aus Herkunftsländern und Lebensentwürfen, liegt die Pfarre St. Andrä – ein spirituelles und kulturelles Herzstück des Viertels.
Die Pfarre St. Andrä: Kirche im Multikulti-Bezirk
St. Andrä gilt als eine der spannendsten Pfarren in Graz. Sie liegt im Multikulti-Bezirk Gries, wo Sprachen, Religionen und Kulturen täglich aufeinandertreffen. Hier begegnen sich alteingesessene Steirerinnen und Steirer, neu angekommene Migrantinnen und Migranten, Studierende, Arbeitssuchende, Kunstschaffende und Menschen, die im klassischen Sinn „gestrandet“ sind.
Diese soziale und kulturelle Dichte macht St. Andrä zu einem Labor für gelebte Vielfalt. Die Pfarre ist nicht nur liturgischer Ort, sondern auch Treffpunkt, Schutzraum und Experimentierfeld für neue Formen des Miteinanders. In Gottesdiensten, Gesprächsrunden, kulturellen Formaten und sozialen Projekten entsteht ein Mosaik, das den gesamten Bezirk prägt.
Kunst, Theologie und Alltag: Die Handschrift von Bischof Glettler
Über viele Jahre wurde St. Andrä von einem Priester geprägt, der zugleich ausgebildeter Kunsthistoriker und leidenschaftlicher Künstler ist: Hermann Glettler. Der gebürtige Steirer leitete die Pfarre 14 Jahre lang und machte sie weit über Graz hinaus bekannt. Seine doppelte Kompetenz als Theologe und Kunsthistoriker ermöglichte eine außergewöhnliche Verbindung von Glauben, Ästhetik und Gesellschaftskritik.
Glettler setzte immer wieder starke, teils provokante Zeichen: Installationen im Kirchenraum, ungewöhnliche liturgische Formen und ein offener Dialog mit zeitgenössischer Kunst. Die Kirche wurde dadurch zu einem Ort, wo Fragen gestellt werden durften – über Gott, Gerechtigkeit, Heimat, Flucht, Konsum und die eigene Rolle in der Welt.
Kunst im Kirchenraum: St. Andrä als offenes Atelier
St. Andrä versteht den Kirchenraum nicht als starres Museum, sondern als lebendiges Atelier. Moderne Kunst trifft auf traditionelle Symbolik, Skulpturen und Installationen greifen gesellschaftliche Konflikte auf, Licht- und Farbkonzepte verändern die Wahrnehmung des Altbekannten. Wer die Kirche betritt, spürt rasch, dass hier mehr geschieht als reine Ritualpflege.
Die Verbindung von Kunst und Liturgie schafft Räume für Menschen, die mit kirchlichen Formen ansonsten wenig anfangen können. Gerade im Viertel Gries, in dem Armut, Migration und soziale Brüche sichtbar sind, öffnet Kunst einen anderen Zugang zu spirituellen und existenziellen Fragen. Nicht wenige finden über eine Ausstellung, einen Performance-Abend oder eine Rauminstallation den ersten Zugang zu St. Andrä – und bleiben, weil sie sich ernst genommen fühlen.
Multikultureller Alltag: Glaube in vielen Sprachen
Der Alltag in St. Andrä ist geprägt von Mehrsprachigkeit und verschiedenen religiösen Biografien. Menschen aus unterschiedlichen Ländern bringen ihre Traditionen, ihre Musik und ihre Ausdrucksformen des Glaubens mit. In gemeinsamen Feiern, interkulturellen Festen und offenen Gesprächsformaten entsteht eine Spiritualität, die nationalen Grenzen weit voraus ist.
Diese Vielfalt ist nicht konfliktfrei, aber sie ist fruchtbar. Die Pfarre wird zu einem Ort, an dem Integration nicht nur verwaltet, sondern tatsächlich gelebt wird. Wer in Gries gestrandet ist – ob freiwillig oder unfreiwillig – kann in St. Andrä Heimat auf Zeit finden: eine Gemeinschaft, in der Fragen erlaubt sind und Unterschiede nicht verschwiegen, sondern gestaltet werden.
Soziale Verantwortung im urbanen Raum
Als Pfarre in einem sozial herausgeforderten Bezirk trägt St. Andrä auch eine deutliche soziale Verantwortung. Angebote für Menschen am Rand der Gesellschaft, Initiativen für Geflüchtete, Begleitung für Familien und Alleinstehende gehören zum Selbstverständnis. Kirche ist hier nicht abgehobener Rückzugsort, sondern mitten im Alltagskampf der Menschen verankert.
Die pastorale Arbeit verbindet spirituelle Begleitung mit konkreter Unterstützung: Zuhören, Vermitteln, Stärken, Vernetzen. Dabei bleibt der Blick wach für Strukturen, die Menschen benachteiligen. Kunst- und Kulturprojekte dienen oft auch dazu, auf soziale Missstände aufmerksam zu machen und neue Perspektiven zu eröffnen.
St. Andrä als Impulsgeber über Graz hinaus
Durch seine besondere Mischung aus Kunst, Theologie und sozialem Engagement ist St. Andrä weit über den Bezirk Gries hinaus bekannt geworden. Berichte in kirchlichen und säkularen Medien, wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit Liturgie und Raumgestaltung sowie Ausstellungen haben die Pfarre zu einem Referenzpunkt gemacht, wenn es um zeitgenössische Stadtkirche geht.
Die Erfahrungen aus St. Andrä zeigen, wie Kirche in einer pluralen Stadtgesellschaft wirken kann: nicht als geschlossener Zirkel, sondern als offenes Haus für Suchende, Zweifelnde, Glaubende und Neuanfangende. Die Geschichte des Auffangbezirks für die „Angeschwemmten“ spiegelt sich so in einer Theologie des Ankommens und des gemeinsamen Weitergehens wider.
Ein Ort des Suchens, Zweifelns und Hoffens
Im Kern steht St. Andrä für eine Haltung: Menschen werden angenommen, bevor sie sich erklären müssen. Ob sie aus Überzeugung kommen, aus Neugier, aus Not oder aus Zufall – der Raum ist offen. Diese Offenheit macht die Pfarre zu einem Ort der Suche und des Zweifelns, aber ebenso zu einem Ort der Hoffnung.
Die Verbindung von Kunst, Liturgie und sozialem Engagement stellt Fragen, statt vorschnelle Antworten zu liefern. Genau das macht St. Andrä für viele attraktiv: Hier darf Glauben experimentell sein, Kirche darf anecken, und die Grenzen zwischen sakralem und profanem Raum werden immer wieder neu ausgelotet.
Fazit: St. Andrä als Spiegel einer sich wandelnden Stadt
Die Pfarre St. Andrä im Bezirk Gries ist mehr als ein Gotteshaus. Sie ist ein Symbol für die Transformation einer Stadt, die gelernt hat, mit Vielfalt zu leben. Als Auffangbezirk für die „Angeschwemmten“ zeigt Gries, wie urbane Räume Menschen aufnehmen, verändern und neu verbinden können. St. Andrä gibt diesem Prozess ein Gesicht – künstlerisch, spirituell und sozial.
Wer verstehen möchte, wie sich Kirche im 21. Jahrhundert inmitten einer multikulturellen Gesellschaft neu erfinden kann, findet in St. Andrä ein lebendiges Beispiel. Hier wird nicht nur über Integration, Dialog und Gerechtigkeit gesprochen – hier werden sie tagtäglich erprobt.