Gemeinschaft leben im Pfarrverband St. Andrä | Karlau | St. Lukas
  • Pfarrzellen

  • Pfarrzellen sind eine Frischzellenkur für Kirche und Gesellschaft

    Viele Leute haben den Eindruck, dass Kirche weit weg von ihrem Leben sei. Die vielen Einladungen und Appelle, doch wieder am „kirchlichen Leben“ teilzunehmen, zeigen kaum Wirkung. Der Sonntagsgottesdienst, der wichtigste wöchentliche Treffpunkt der Christen, ist nur für wenige ein fixer Bestandteil im privaten Kalender.  Diese Ausgangslage, die nicht neu ist, erfordert ein notwendiges Umdenken! Kirche muss für die Leute zuerst in der Nachbarschaft erlebbar sein, alles andere ist zu weit weg. Einen äußerst interessanten Ansatz dazu bietet das sogenannte Pfarrzellsystem, d. h. ein Netzwerk von kleinen christlichen Gemeinschaften (Pfarr-zellen) vor Ort. 

    Die Teilnahme an einem internationalen Kongress in der katholischen Pfarre San Eustorchio in Mailand (Mai 2011) hat uns inspiriert und ermutigt, einen ähnlichen Weg in unserem Bezirk Gries zu beginnen. Im Folgenden werden nun drei  Grundprinzipien des Pfarrzellsystems vorgestellt. Das Pfarrzellensystem  ist wie eine Frischzellenkur für Kirche und Gesellschaft.

    Die Pfarr-ZELLE ist ein Lernort des Christseins

     Eine Pfarrzelle ist eine bunt zusammengesetzte Gruppe von 8 bis 10 Personen, die sich wöchentlich in einer Wohnung treffen, um sich gegenseitig zu ermutigen. Die beiden zentralen Fragen jeder Zusammenkunft sind: Was hat Gott in letzter Zeit für mich getan, bzw. was hat mich ermutigt und gestärkt, und zweitens, was konnte ich für Ihn, bzw. für die Menschen in meiner Umgebung konkret tun? Da reicht die Palette vom Krankenbesuch, über geduldiges Zuhören, Nachhilfeunterricht geben, Streit schlichten, … bis zum Babysitten und Versorgen von Bettlägrigen. Man spricht auch darüber, was gelungen ist und freut sich über viele kleine Lichtblicke – ganz nach der Art des Evangeliums: Es kommt nicht darauf an, Großes zu tun, sondern das Kleine mit entsprechender Liebe und ansteckender Freude.

    Besondere Aufmerksamkeit der Pfarrzelle gilt jenen Menschen, die punktuell eine positive Erfahrung von Kirche gemacht haben (Taufe, schön gestalteter Trauergottesdienst, Teilnahme an einer kirchlichen Veranstaltung, …), aber den Anschluss an die herkömmliche Pfarrgemeinde (noch) nicht finden konnten. Die Pfarrzelle soll Kontakte herstellen – jedoch ohne in irgendeiner Weise drängend auf Menschen einzuwirken. Wer Interesse hat, kann sich einer Pfarrzelle in seiner Umgebung jederzeit anschließen.

    Wenn eine Zelle regelmäßig mehr als 12 Teilnehmer aufweist, ist es an der Zeit, die Zelle zu teilen, bzw. die Neugründung einer Zelle vorzunehmen. Diese notwendige Zellteilung bewahrt die Teilnehmer davor, sich als zu vertraute Gruppe doch auch wieder vom Umfeld abzukapseln.

    Das OIKOS Prinzip bringt Kirche in die Nachbarschaft

    Christen, die für sich selbst die christliche Botschaft wieder entdeckt haben und deren Herzen vom Heiligen Geist entzündet wurden, entwickeln eine ungekünstelte Aufmerksamkeit für ihre Nachbarschaft. TeilnehmerInnen der Pfarrzellen fühlen sich für die Menschen in ihrem Umfeld verantwortlich. Sie machen dadurch an ihrem spezifischen Lebensort  (griech. OIKOS – übersetzt mit Haus oder Lebensumfeld) Kirche erlebbar.

    Der Oikos umfasst die tatsächliche Nachbarschaft des Wohnortes, die Kollegenschaft des Arbeitsplatzes, den Freundeskreis der Freizeitaktivitäten und vieles mehr. Die Mitglieder einer Pfarrzelle sind – wie schon erwähnt – für konkrete Dienste bereit.

    Dem Nächsten eine konkrete Hilfestellung zu geben ohne zu fragen, was dafür an Gegenleistung herausschaut, ist der Auftrag des Evangeliums. „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe!“ sagt Jesus. Und man sollte im Sinne der Bergpredigt hinzufügen „auch die, die Euch nicht sympathisch sind“. Die Einheit von Gebet und Dienst bilden jedenfalls die entscheidende Basis – bevor noch irgendetwas von einem verbalen Glaubens-Zeugnis oder einer expliziten Verkündigung der christlichen Botschaft möglich ist.

    Das GEBET ist Quelle und Basis

    Im Gebet wächst die Leidenschaft, die Gesellschaft im Geiste Jesu mitzugestalten. Das Gebet ist die Basis von allem. Wer sich in einer Pfarrzelle engagiert, beginnt für die Menschen in seiner Umgebung offen zu sein und zu beten. Dieses solidarische, fürbittende Gebet bewirkt das Wesentliche, denn das Entscheidende im Leben ist immer ein Geschenk und eben nicht machbar. Das Gebet ist jedenfalls auch ein Ausdruck von Liebe für jene Personen, mit denen man meist auch nicht zufällig zusammen lebt oder arbeitet. Jeder Teilnehmer in einer Pfarrzelle hat eine Liste von Namen, d.h. Leute aus seinem Oikos, für die er regelmäßig zu beten sich vorgenommen hat.

    In San Eustorchio und in allen Pfarren, die mit dem Zellsystem beginnen, spielt die bewusst gefeierte Eucharistie und die eucharistischen Anbetung eine große Rolle. Diese besondere Form des Gebetes haben viele neu entdeckt. Sie verbringen pro Woche ein Stunde vor dem Allerheiligsten, d.h. vor Jesus, der sich am Kreuz allen Menschen geschenkt hat und im eucharistischen Brot gegenwärtig ist.

    Kann man sich einer Pfarrzelle anschließen?

    Im Pfarrverband Graz – St. Andrä und Karlau haben wir mittlerweile 5 Pfarrzellen. Wenn durch diesen Bericht Ihr Interesse geweckt wurde, melden Sie sich bitte im Pfarrbüro, beim Pfarrer oder den PastoralassistentInnen für ein Gespräch. Wir können Ihnen dann gerne den Kontakt zu einer schon bestehenden Gruppe vermitteln. Die bisherigen Vorbereitungstreffen und ersten Versuche mit dem Pfarrzellsystem haben uns große Freude bereitet. Das Evangelium von Jesus Christus entwickelt in diesem konkreten Einlassen auf Lebensgeschichten und Situationen vor Ort plötzlich wieder seine faszinierende Dynamik. Christsein ist ein schönes Abenteuer!

    Pfarrer Hermann Glettler

    An folgenden Orten existieren bereits die neuen Pfarrzellen:

    Dreihackengasse, Defreggergasse, Vorbeckgasse, Kärntnerstraße, Triesterstraße

    Falls Sie in der Nähe wohnen und Interesse haben, bitte melden Sie sich im Pfarrbüro oder bei Robert Hautz 0676 9314366 und der Kontakt zu den gastgebenden Personen und Familien wird hergestellt. Für einen Einstieg sind keine besonderen theologischen Kenntnisse notwendig. Herzlich willkommen!

    Kurzfilm:  Pfarrzellen Rückblick – Graz, St. Andrä 2011-12 © NW