Gemeinschaft leben im Pfarrverband St. Andrä | Karlau | St. Lukas
  • Zum Nachdenken

  • Lebensstile mit Zukunft

    Wir stehen in der Entwicklung der Menschheitsgeschichte an einer Schwelle. Die nichterneuerbaren Energiequellen werden knapper, der Klimawandel ist unumkehrbar, eine weltweit ungerechte Verteilung der Güter produziert Hunger und Kriege, immer einflussreichere Konzerne diktieren die Weltpolitik,… Was ist zu tun? Wir haben einige Persönlichkeiten zum GRIES-FORUM 2011 eingeladen und gefragt: Wie schaut ein Lebensstil aus, der Zukunft ermöglicht?

     

    Ent-Schleunigung ist ein zentraler Auftrag

    Lebensstil mit Zukunft heißt für mich, dass wir zukunftsgerichtet agieren, ausgerichtet auf eine Welt, die erhalten bleiben soll und nicht im Wahnsinn enden darf. In dieser Hinsicht ist der Prozess der EntSchleunigung für mich ganz wichtig.

    Vor zwei Jahren hatte ich ein Schlüsselerlebnis, das mit einer Reise nach Bhutan zusammenhängt. Dort, in diesem kleinen Land im Himalaya, gibt es vergleichbar mit unserem Brutto-National-Produkt ein Konzept, das sich Brutto-National-Glück nennt. (…) Es wird nach 4 Faktoren beurteilt: Es geht zuerst um eine sozial gerechte Gesellschaft, zweitens um die Bewahrung und Förderung  kultureller Werte. Dabei spielen in dem buddhistisch geprägten Land folgende Fragen eine Rolle: Haben die Leute genügend Zeit um ihren spirituellen Aufgaben nachzugehen, haben sie genug Zeit für ihre Familie, haben sie genug Zeit zum Schlafen usw. All das muss im Brutto-National-Glück berücksichtigt werden. Zusätzlich dazu wird ein sehr sanfter, nachhaltiger Tourismus betrieben und immer kontrolliert, ob alle Maßnahmen auch für die Umwelt verträglich sind. Und beim letzten Faktor geht es um eine gute, sachbezogene Verwaltungsstruktur. Diese vier Faktoren werden immer herangezogen, um das Glück der Menschen im Land zu messen.

    Judith Schwentner, Abgeordnete zum Nationalrat für die Grünen

     

    Arbeitsplatz als Ort des Menschwerdens

    Bewerber, die bei uns arbeiten möchten, fragen mich meist: Was sind ihre Ziele? Die üblichen Antworten, die man darauf erwartet, sind: Wir wollen der größte Anbieter in unserem Wettbewerbssegment sein. Wir wollen den Umsatz jährlich um 10% steigern. Ich halte das für einen Fehler. Wenn man sagt, das Ziel des Wirtschaftens sei der Gewinn, dann ist das falsch. Das wäre so ähnlich wie wenn man sagt: Das Ziel des Lebens ist das Atmen. Natürlich muss ein Unternehmen Gewinne machen, um langfristig zu überleben. Sonst ist irgendwann das
    Kapital aufgebraucht und das Unternehmen gibt es nicht mehr. Deshalb ist der Gewinn notwendig, aber er kann nicht das Ziel sein. Man muss atmen, um zu leben. Aber es ist nicht das Ziel des Lebens, zu atmen. Für mich ist die Frage wesentlich: Was ist der Zweck unseres Unternehmens? Der Zweck unseres Unternehmens ist, unseren MitarbeiterInnen eine interessante, langfristige und sichere Aufgabe in ihrem Leben zu geben. Interessant deshalb, weil sie etwas tun sollen, was sie gerne tun. Denn wenn man sein Leben mit etwas verbringen muss, das einem nicht interessiert, verliert man viel. Langfristig, weil ich überzeugt bin, dass Arbeit nicht ein Arbeitsverhältnis ist, sondern eine Beziehung, in der man sich aneinander gewöhnen muss. Nur dann werden wir in voller Blüte gemeinsam arbeiten können. Und sicher. Ich denke, es ist turbulent genug in unserer Zeit. Es tut gut, wenn man gewisse Ankerpunkte in seinem Leben hat. Und ein Arbeitsplatz, der sicher ist, gehört dazu.

    Dr. Friedrich Santner,
    Anton Paar GmbH Messtechnik

     

    Es braucht eine Versöhnung mit Gott

    Im Zentrum intensiven Nachdenkens wird zukünftig das Leben als Gabe und das Gelingen des Lebens in seiner vielfältigen Form stehen. Die unersetzliche Aufgabe der Kirche im gesellschaftlichen Zusammenleben wird darin bestehen, die richtigen Fragen zu stellen, d.h. die Welt auf Gott hin offen zu halten. Für die Menschen müssen wir den Himmel offen halten. Wenn wir auf die nukleare Katastrophe in Japan schauen, dann wird die Frage aktuell, die die deutsche Bischofskonferenz so gestellt hat: Können wir das, was wir können? Können wir das wirklich? Welche Auswirkungen hat unser Tun? Die Kirche wird die Fragwürdigkeit unseres Lebensstils zu thematisieren haben.

    Wo noch wird Kirche in Zukunft eine wichtige Aufgabe haben? In der Motivation des Einzelnen. Wir Christen tun Gutes aus gutem Grund, weil Gott gut ist. Und Kirche wird Wegbereiter sein für eine neue Form der Religiosität. Der globale Atheismus ist leider auch im christlichen Abendland entstanden. Ich hoffe, dass die Kirche dazu beitragen wird, dass es im christlichen Abendland zu einer Versöhnung mit Gott kommen kann. Der Christ der Zukunft (zitiert nach Karl Rahner) wird ein Mystiker sein, jemand, der etwas vom größeren Geheimnis Gottes erfahren hat.

    Weihbischof Dr. Franz Lackner

     

    Wir brauchen 100% selbstkritische Konsumenten

    Ich glaube, dass die Frage mit der Globalisierung schon entschieden ist. Wissen Sie warum? Weil der Geist aus der Flasche ist. Die Armen wissen, wo die Reichen wohnen. Die Frage ist nicht mehr, ob Globalisierung oder nicht, sondern kann das zivil werden, kann das sozial werden und solidarisch und ökologisch. … Sie können sich kaum vorstellen, wie farbenprächtig der Norden, der wohlhabende Westen über die Bildschirme hineinleuchtet in alle Elendsviertel dieser Welt. Das ist die Dramatik. Und daher können wir nur schauen, wie es einen Ausgleich zwischen den Armen und Reichen geben kann. Ich fürchte, das wird nicht mit drei Augustsammlungen der Caritas zu erledigen sein, sondern uns in den nächsten zwanzig und dreißig Jahren beschäftigen. … Und in Zukunft werden wir 100% selbstkritische Konsumenten brauchen und nicht nur 40%. Sonst geht es nicht. Den Überfluss bewältigen, sonst schütten wir die Welt mit Zeugs zu und unsere Kinder und Enkelkinder werden möglicherweise schon daran ersticken. Das wünscht sich wohl niemand. …
    Es braucht Leute, die in unsere Gemeinschaft Werte benennen, diskutieren und auch schaffen.

    Dr. Franz Küberl, Präsident der Caritas Österreich

     

    Ich empfinde die Verantwortung: Ich muss geben

    Wir haben das Lebenssystem des Wohlstands, mit Gewalt zu exportieren versucht, bis wir drauf gekommen sind, das geht ja gar nicht. Es können ja nicht alle so leben wie wir, denn wir leben ja deshalb so gut, weil es den anderen schlecht geht. Vor dieser Problemsituation stehen wir. Was ist jetzt zu tun? Für mich ist es klar: Wir müssen teilen. Wir müssen praktisch verzichten lernen. Vielleicht ist einiges mit technologischem Fortschritt aufzufangen. Aber letztendlich stehen wir in dieser historischen Verantwortung: Ich habe, ich muss geben! Für mich sind die Scheidewege derart gestaltet: Entweder gerecht zu sein oder selbstsüchtig und ausbeuterisch. Man muss das so hart sagen, denn die Artikel und Gegenstände, die wir günstig einkaufen, sind anderswo mit viel Leid produziert worden – meist mit halsabschneiderischen Löhnen, falls überhaupt entlohnt. Sind wir human oder menschenfeindlich?

    Das betrifft zuerst die Themen Verteilungsgerechtigkeit, Migration und Familie. … Der Respekt vor der Natur – Tierhaltung und auch der Umgang mit der Landschaft – ist auch entscheidend für unsere Zukunft, ob wir den Wert einer Pflanze und eines Tieres schätzen können. In jedem Lebewesen ist etwas enthalten, was zum Ganzen gehört. Wenn wir es zerstören, zerstören wir etwas vom Ganzen und damit auch uns.

    Dr. Astrid Kury, Akademie Graz