Gemeinschaft leben im Pfarrverband St. Andrä | Karlau | St. Lukas
  • Statement von Bischofsvikar Hermann Glettler

  • Gelebte Gastfreundschaft

    Ein persönlicher Erfahrungsbericht von Pfarrer Hermann Glettler über 10 Jahre Pfarrer sein im Bezirk Gries

    An der Gastfreundschaft erkannte man die Gemeinschaft der ersten Christen, die junge Kirche. Im Umfeld der antiken, weltanschaulich und religiös äußerst heterogenen Gesellschaft war besonders die Aufmerksamkeit und Gastfreundschaft gegenüber Armen und Fremden ein Zeugnis für den Neuen Weg, wie man anfangs die Gruppe der Jesus-Gläubigen nannte. In einer gelebten Gastfreundschaft unter den Bedingungen einer veränderten Weltsituation liegt auch für uns heute eine wesentliche Herausforderung, die dem Evangelium entspricht.

    Im Folgenden versuche ich eine Tour d´Horizont durch pastorale und persönliche Arbeitsfelder als Pfarrer in einem ausgeprägt multikulturellen Stadtteil von Graz und ergänze dies mit einigen grundsätzlichen Überlegungen zum Auftrag von Kirche heute.

    Vor einigen Jahren stellte sich unserer Pfarre im Multi-Kulti Bezirk die Frage einer grundsätzlichen Orientierung: Beschränkt man sich auf die (noch) im Pfarrgebiet lebenden katholischen Christen und die immer kleiner werdenden Aktivitäten der verbliebenen traditionellen Volkskirche oder wagt man eine Öffnung hin zu einer stärker international geprägten Gemeinschaft. Sich gegen die demographischen und weltanschaulichen Entwicklungen einseitig defensiv zu verhalten, wird keine Zukunft haben. So hat sich langsam aber beständig unsere kleine Pfarrgemeinde geöffnet zugunsten einer bewusst gelebten Gastfreundschaft, speziell für Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und sich in unserem Bezirk niedergelassen haben. Gastfreundschaft bedeutet, dem Anderen, dem Fremden einen Raum zu geben, wo er sein darf, wo er sich für sein Dasein nicht entschuldigen muss und wo er die Schätze seiner Lebenserfahrung und Kultur auch einbringen kann. Das Entscheidende inmitten der extremen soziologischen Veränderungen, mehr oder weniger aktiv den Gesellschaftsprozess mitgestaltend, das Entscheidende liegt im Auftrag, Gott zu bezeugen. Im Kontext einer weltanschaulich aufgepeitschten und nervösen Gesellschaft Gott nicht zu verschweigen, sondern seine Gegenwart in unserem Leben erfahrbar zu machen. Als katholische Pfarre leben wir aus dem Hören auf das Wort Gottes und aus der Feier der Eucharistie. Insofern und solange wir diese Quellen unseres Christ-Seins ernst nehmen, wird uns darin eine so tiefe Lebensbejahung und Gemeinschaft geschenkt, dass die diversen Bemühungen um Verständigung und Gastfreundschaft möglich sind. Als kleine christliche Gemeinschaft innerhalb einer Multi-Kulti-Gesellschaft nehmen wir so an der Bestimmung der Weltkirche teil, inmitten einer unversöhnten Welt Zeichen und Werkzeug der Einheit (II.Vatikanisches Konzil) zu sein.

    Begonnen hat die stärker auf Migranten ausgerichtete Seelsorge von St. Andrä im Jahr 2000 mit einigen Taufen von Kindern afrikanischer Familien. Im Zuge der Taufvorbereitung ist mir die triste Wohnsituation afrikanischer Leute in Graz bewusst geworden. Zur Ungewissheit bezüglich ihres Aufenthaltsstatus als Asylsuchende kam für sie erschwerend noch das Sprachproblem hinzu. Die Einführung englischsprachiger afrikanischer Gottesdienste hat diesen Leuten ein erstes Gefühl von religiöser und damit auch emotionaler Beheimatung gegeben. Seit einigen Jahren feiert nun die African Catholic Community in St.Andrä ihren eigenen sonntäglichen Gottesdienst mit der Musik und dem Temperament Westafrikas. In Entsprechung dazu hat sich seit drei Jahren auch eine spanischsprachige Gemeinschaft gebildet, der vor allem Leute aus der Dominikanischen Republik angehören. Weihnachten, Ostern und alle großen Feste der Pfarre hingegen werden gemeinsam in einem internationalen Gottesdienst gefeiert, die einen Atem von Weltkirche in sich tragen. Jesus ist international! ist das Leitwort dieser Begegnungen. Nicht alle Pfarrmitglieder haben diese Öffnung der Gottesdienste mitgetragen. Einige haben sich abgewandt, weil afrikanische Trommelmusik nicht mit ihrer Vorstellung eines schönen Gottesdienstes in Einklang zu bringen sei. Nichtsdestotrotz scheint mir die Mühe um ein lebendiges, international geprägtes Miteinander im Augenblick die entsprechende Antwort auf den Ruf Gottes zu sein, wahrscheinlich nicht nur in unserem Bezirk, sondern weltweit.

    I Der Mensch ist der Weg der Kirche

    Diese Aussage des Papstes Johannes Paul II. ist ein zukunftsweisendes Wort, das viele Klarstellungen bewirkt hat. Es war nicht nur das maßgebliche Wort für eine wichtige Sozialenzyklika, sondern eine Aussage, die ein zutiefst unchristliches Missverständnis (hoffentlich) geklärt hat: Es gibt nicht auf der einen Seite die fromme Gottesverehrung und auf der anderen Seite, scheinbar diametral dem entgegen gesetzt, das konkrete soziale Engagement für den Menschen. Der Mensch ist der Weg Gottes und der Mensch ist der Weg zu Gott. Wer sich in irgendeiner Weise für den Anspruch Gottes geöffnet und darin wenn auch nur ahnungsweise etwas von dieser je größeren Liebe erfahren hat, der will und kann nicht mehr zwischen Gottes- und Nächstenliebe unterscheiden. Wer weiß, dass er geliebt wird, versucht dieser Liebe zu antworten. Zuerst also geht es um die Frage nach dem Menschen von heute. Es gab wahrscheinlich noch keine Epoche in der Menschheitsgeschichte, wo der Einzelne durch eine globale Medialisierung mit einer so ungeheuren Menge an wichtigen und zugleich überflüssigen Informationen konfrontiert war. Dieses permanente Gleichzeitig Sein mit unendlich vielen Ereignissen weltweit ist ein Novum in der Menschheitsgeschichte, das man in seiner Auswirkung nicht unterschätzen sollte. Ich sage bewusst weltweit, denn auch in den afrikanischen Slums gibt es CNN und in den entlegenen Bezirken der arabischen Weltstädte gibt es mit El Jazeera einen global agierenden Nachrichtensender. Das Problem liegt darin, dass diese Datenmengen von Ereignissen, politischen Vorgägnen und Katastrophen weder intellektuell noch emotional für den Einzelnen verarbeitbar sind. Das Gefühl von Ohnmacht oder Aggression stellt sich ein. Wenn nun zusätzlich sich in der unmittelbaren Nachbarschaft die Welt „im eigenen Dorf einstellt“, dann verschärft sich die Frage: Wer ist mein Nächster? Und die Frage des Kain, der seinen Bruder Abel erschlagen hat: Bin ich den für meinen Bruder zuständig? Jeder kann schließlich seinen Nächsten wertschätzen und lieben oder auch demütigen und vernichten. Unter den Voraussetzungen einer wesentlich stärker medialisierten Welt steigt jedoch das positive und negative Gestaltungspotential jedes einzelnen Menschen. Die weltweit mögliche Sofort Kommunikation hat ihre großen Vorteile, aber eröffnet zugleich neue Abgründe. Als z.B. in Graz eine äußerst fragwürdige Politikerin einen islamfeindlichen Nonsens von sich gab, wurde dies durch einen weltweit agierenden Fernsehsender zumindest der gesamten arabischen Welt zugänglich. Die Fragen intensivieren sich: Wer ist der Mensch und wozu ist er fähig? Ein bewusstes Christsein muss sich dieser Frage stellen. Das Christentum ist doch eine inkarnatorische Religion, wo es um das Reale, um das Fleischgewordene, um das geschichtlich Relevante geht. Weil Gott ohne Abstriche Mensch geworden ist, muss die Kirche im Glauben an ihn weltweit eine aktive Anwaltschaft für den Menschen übernehmen und zwar sowohl für den ausgebeuteten Menschen in den vielen Ländern, wo die Ungerechtigkeit zum Himmel schreit, als auch in den Ländern auf der nördlichen Hemisphäre, wo der einzelne Wohlstandsbürger sich oftmals in einer eigenartig lethargischen Zuschauerposition befindet. Christ sein bedeutet jedenfalls ein leidenschaftliches Interesse für den Menschen von heute zu haben! Das ist nach meinem Verständnis auch der Grundansatz von Kirche als Gemeinschaft derer, die erfüllt vom Geist Gottes sich nicht mehr nur um das eigene Glück und Wohlergehen kümmern wollen. Kirchliche Reife erlangt ein Mensch, der nicht nur mehr sein eigenes Seelenheil sucht. Er lebt in der grundsätzlichen Verbundenheit mit Gott, der in der menschlichen Person des Jesus von Nazaret sein wahres Gesicht gezeigt hat. Der Bezirk, in dem sich unser Pfarrgebiet befindet, war und ist seit Jahrhunderten ein Umschlagplatz für Ankömmlinge, Vergnügungssuchende und Gestrandete. Märkte, Bordelle, Gefängnisse und Spitäler erzählen eine beredte Geschichte. Schon seit vielen Jahren war es deshalb für die Caritasarbeit in unserer Pfarre klar, dass man keine Unterschiede macht, welcher Nationalität und Religion ein Hilfe suchender Mensch angehört. Diese wichtige Grundhaltung ist nicht für alle selbstverständlich. Sozial schwächer gestellte Menschen, die seit Jahrzehnten im Bezirk wohnen und ebenso mit den harten Lebensbedingungen zu kämpfen haben, bringen oft wenig Verständnis auf, dass plötzlich auch den Ausländern geholfen wird. Da gibt es große Empfindlichkeiten und Rivalitäten, die man auch nicht leugnen kann. Ausgehend von der pfarrlichen Caritasarbeit möchte ich auf die vielen caritativen Einrichtungen der Kirche verweisen, auf die Vinzenzgemeinschaften und Sozialkreise und die vielen privaten Bemühungen, um zu illustrieren, dass der Anspruch des Evangeliums verstanden wurde und zumindest ansatzweise gelebt wird. Barmherzigkeit ist zum Glück kein Fremdwort. Ich bin stolz darauf, dass man Kirche an der Caritas erkennt. Es gibt sie, die vielen Christen, Frauen und Männer, die beruflich oder ehrenamtlich ihre Energie und Zeit für andere einsetzen. Dies zu tun, obwohl es scheinbar immer ein Zuviel an unbewältigbarer Not, an Ungerechtigkeit und Ausweglosigkeit gibt, ist ein Zeichen für Gottes Gegenwart. In den Armen ist in besonderer Weise Christus unter uns gegenwärtig, wie er selbst ausdrücklich bestätigt hat (Mt 25): „Ich war hungrig und durstig und ihr habt mich versorgt; Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen; Ich war heimatlos und ihr habt mich aufgenommen; …“ Er selbst hat sich der Schwachen angenommen, die Aussätzigen umarmt und die gesellschaftlich Unbeachteten in die Mitte gestellt. Wer an ihn glaubt, ist in seiner Schule. Caritas bleibt ein Dauerauftrag für die Kirche, die zum Glück in der Sorge um den Menschen nicht allein ist. Unsere demokratisch verfasste Zivilgesellschaft hat in einem Jahrhunderte andauernden Prozess die soziale Aufgabe als ihre Pflicht wahrgenommen und in den Einrichtungen des modernen Sozialstaates institutionalisiert. Neben den staatlichen und kommunalen Sozialeinrichtungen gibt es die sozial ausgerichteten Vereine und engagierten BürgerInnen, die gegen den Trend der Egomanie auch ein klares Zeugnis abgeben: Der Mensch ist dem Menschen doch etwas wert! Der gefährliche Smog einer geistlosen „Geiz ist geil!“ Haltung vermag die Menschlichkeit nicht zu ersticken. Natürlich gibt es leider auch das soziale Versagen, die Gier der Etablierten, das Nicht-Wahrnehmen von Not, das sich auf Kosten des Staates aushalten Lassen, die blinde Aggression der scheinbar und tatsächlich zu kurz Gekommenen, die weiter auseinanderklaffende Einkommensschere und ähnliches mehr. Aber es gibt auch die reale Sorge, das soziale Engagement von vielen, das mich beeindruckt. Für mich ist die soziale Sensibilität so vieler Zeitgenossen auch ein Zeichen, dass der Geist Gottes wirkt und zwar innerhalb der Kirche und selbstverständlich über alle institutionellen Kirchengrenzen hinaus. Es wird in Zukunft noch viel mehr von diesem Heiligen Geist brauchen. Die neuen Herausforderungen für unsere Gesellschaft liegen im rapiden Anstieg eines erhöhten Pflegebedarfs für immer mehr wesentlich älter werdende Menschen. Und ein uneingeschränktes Ja zum Recht auf Leben für Ungeborene, Behinderte, chronisch Kranke und alle Übrigen, die das höllische Tempo einer Leistungsgesellschaft nicht mit vollziehen können, kostet eben etwas! Zu einer dafür notwendigen und hoffentlich sehr breit angelegten Wertediskussion gibt es keine Alternative. An Geld mangelt es ja auch in einer wirtschaftlichen Krisenzeit nicht. Die Verteilung und notwendige Umverteilungen stehen zur Diskussion und all das orientiert sich an vorausgesetzten Bewertungen. Eine sozial ausgewogene Versorgung und möglichst faire Absicherung aller Mitglieder unserer Gesellschaft wird auf Dauer nur gelingen, wenn es eine permanente Frischluftzufuhr von Geist gibt, der Aufmerksamkeit und Solidarität ermöglicht. Bekanntlich lebt ja ein Gemeinwesen von Werten, die es sich selbst nicht geben kann. Die Kirche hört in ihrer Verkündigung und Spendung der Sakramente zum Glück nicht auf, diese Frischluftzufuhr zu benennen und zu erschließen. Was davon bei den Leuten ankommt, ist eine andere Frage.

    II Weltweite Solidarität als Überlebensstrategie

    Das Faktum einer weltweit stattfindenden Migration ist für die nächsten Jahrzehnte meiner Meinung nach das Thema mit der höchsten Brisanz. Auch wir in Österreich sind Zeugen einer anhaltenden Zuwanderung von Menschen, die oftmals eine lebensbedrohliche Odysse hinter sich haben und meist in ihren Herkunftsländern menschenunwürdigen Situationen ausgesetzt waren: Einschränkungen der persönlichen Freiheit; politisch motivierte Benachteiligungen und Schikanen; keine realistischen Zukunftsperspektiven und ähnliches mehr. Dieses Phänomen der Migration, das unsere Haustür erreicht hat, lässt sich mit einer defensiven Strategie, d.h. mit einer oftmals auf eine Ausländerdiskriminierung hinauslaufenden Abwehrhaltung nicht aus der Welt schaffen. Auch die Gesetzgebung geht meines Erachtens sehr unbeholfen mit der Tatsache der faktisch stattfindenden Zuwanderung um. Komplizierte und sich rasch ändernde Gesetzeslagen und eine auch für Sachkundige schwer durchschaubare Überschneidung von Zuständigkeitsbereichen und deren Ämter erschweren einen nachvollziehbaren, menschlichen Rechtsvollzug. Die „Ausländer“ bringen zudem die Last ihrer (Über-)Lebensgeschichten, ihre existentiellen Schwierigkeiten, oftmals ihre Fluchttraumata, ihre vielfach überzogenen Erwartungen und vieles mehr mit und verursachen damit auch berechtigte Konflikte. Trotzdem hat deshalb niemand das Recht, die Zuwanderer als Beutegut für politische Hetzen zu missbrauchen. In der Ausländerdebatte scheiden sich so manche Geister. Ich erlebe als Pfarrer in einem äußerst multikulturell geprägten Stadtteil von Graz viel an Leid und Freude in der Begegnung mit „Fremden“. So gut wie möglich versuchen wir als Pfarrgemeinschaft Begegnungen zu ermöglichen und setzen einiges daran, dass bei Wohnungssuche, Asylabwicklung, Lernbetreuung und ähnlichem möglichst vielen Leuten geholfen wird. Vor allem Kinder und Jugendliche dürfen nicht auf die soziale, meist aufgrund mangelnder Bildung bedingte Verliererstraße geschickt werden. Das würde sich mit Sicherheit rächen wie es uns die Revolten in den Banlieus der europäischen Großstädte leider vor Augen führen. Am Thema des „Bleiberechtes“ möchte ich im Folgenden für offensive Strategien einer weltweiten Kommunikation plädieren und die Kurzsichtigkeit rein defensiver Strategien im Umgang mit Migration benennen.

    Die Abschiebung von MigrantInnen, die sich in Österreich bereits menschlich und sozial verwurzelt haben, ist eine defensive Strategie, die abzulehnen ist, weil sie in vielen Fällen unnötigerweise noch größeres Leid verursacht. Es geht nicht um anonyme Fälle, um Ausländer- und Asylanten-Kontingente, sondern immer um konkret betroffene Menschen, deren Lebensgeschichten und Erfahrungen von Leid. Ich kenne viele von ihnen. Nicht jede Ausweisung aus Österreich ist eine humanitäre Katastrophe, aber in zu vielen Fällen werden Menschen in ein Nichts zurückgestoßen. Die Betroffenen sind meist mit großen Erwartungen in unser Land gekommen und haben dafür viele Strapazen, lebensgefährliche Situationen und nicht selten auch extreme finanzielle Aufwendungen in Kauf genommen. Im Laufe der Jahre haben sie in Österreich bereits eine provisorische Heimat gefunden und auch soziale Beziehungen aufgebaut. Speziell in den Fällen, wo Kinder bereits mehrere Jahre einen Kindergarten oder die Grundschule besucht haben, ist eine abrupte Ausweisung besonders unmenschlich und unbegründbar. Ebenso verliert Österreich damit wertvolle Menschen mit ihren Begabungen, ihren Lebenserfahrungen und kulturellen Traditionen. Wir sollten deshalb versuchen, einander Heimat zu geben und nicht Heimat zu entziehen! Wir als Kirche leisten dazu einen Beitrag.

    Ich unterstütze aus den genannten Gründen – als dringliche Maßnahme – die Forderung nach einem generellen Bleiberecht in Österreich, das allen Personen gewährt wird, die schon viele Jahre hier sind und ein bestimmtes Maß an Integration in die österreichische Gesellschaft nachweisen können. Trotzdem möchte ich vorhandene Ängste in unserer Bevölkerung nicht klein reden. Es gibt das Erleben von Ohnmacht angesichts von globalen Migrations-Entwicklungen und Flüchtlingsbewegungen, das auch mir nicht fremd ist. Jeder, der behauptet, rasche Lösungen dafür zu haben, lügt. Dennoch sehe ich es als Auftrag unserer Zivilgesellschaft, den Gruppen der sozial Schwachen – und dazu zählen zu allererst „die Fremden“ – ein möglichst hohes Maß an Gastfreundschaft entgegenzubringen. Generelles Verdächtigen, pauschales Aufrechnen von kriminellen Taten einzelner auf alle übrigen Ausländer und ein systematisches Hinausekeln der Zugewanderten kann keine wirkliche Lösung sein. Bei allem Verständnis für die Herausforderung der Integration – eine größere Zahl von Volks- und Hauptschulen hätte in den letzten Jahren in Graz wegen Kindermangel schon schließen müssen, wenn es die Kinder der Migrantenfamilien nicht gäbe! Also: Bleiberecht für die, die schon beheimatet sind!

    Ebenso plädiere ich auch für eine stärkere Bewerbung und Präsentation aller schon vorhandenen internationalen Kontakte und Beispiele qualitätsvoller Entwicklungszusammenarbeit. Man kann etwas tun, was Sinn macht! Konkrete Handlungsmöglichkeiten sind ein Ausweg aus der erlebten Ohnmacht. Es braucht offensive Strategien angesichts des globalen Phänomens der Migration.

    Jetzt ist die Zeit, die vielen Initiativen von NGOs, entwicklungspolitischen Institutionen, ÖED, Caritas, Welthaus der Diözese und kirchlichen Gruppen aus den Pfarren und christlichen Gemeinschaften einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen und damit ein konkretes Engagement für eine gerechtere Welt zu bewerben. Es gibt hoffnungsvolle Zeichen der Zeit! Wir leben nicht nur in einer Zeit der Gier nach immer größerem wirtschaftlichem Gewinn und einer damit einhergehenden Ausbeutung von Ressourcen aller Art, sondern auch in einer Zeit gewachsener Solidarität weltweit. Paradoxerweise gleichzeitig mit einer unbeirrbaren Gleichgültigkeit gegenüber dem Dahinsiechen und Sterben von Tausenden täglich aufgrund von Hunger und Gewalt – gab es wahrscheinlich noch nie eine so große Grenzen überschreitende neue Sensibilität für globale Zusammenhänge. Es gibt außerordentlich viele Menschen und Gruppen in Österreich, die für die Verbesserung von Lebensbedingungen in fernen Ländern bereits Großartiges geleistet haben. Trotzdem ist die Zahl der Engagierten in diesem Bereich noch sehr ausbaufähig. Es braucht viele positive Netzwerke der Zusammenarbeit, damit möglichst viele Menschen in ihren Heimatländern an eine Zukunft glauben können. Eine Zukunft für unsere Welt wird es nur mit einer gelebten Solidarität geben. Warum also nicht neue Projekte entwickeln, konkrete Partnerschaften von Städten, Dörfern, Schulen, Lehrwerkstätten, Pfarren und anderen Einrichtungen in Österreich mit jenen in Nigeria, Ghana, Rwanda, Türkei, Afghanistan, Kosovo, Albanien, Bosnien, Dominikanische Republik, usf.? Was hindert uns daran, modellhaft echte Alternativen von internationaler Verständigung und Hilfestellung noch wesentlich stärker auszubauen? Sich informieren, Partnereinrichtungen ausfindig machen, Geistiges und Materielles teilen, sowie Projektreisen und Besuche in den genannten Zielländern mit den dazugehörenden Gegeneinladungen – all das löst bei den beteiligten Personen meist eine andauernde Begeisterung aus, weil das „über die eigenen Grenzen Hinausdenken und Hinausgehen“ einen Zuwachs vielfältiger Lebens- und Welterfahrung bedeutet und auch echte Freude bereitet. Der Geist Gottes, den man nicht oft genug erbitten kann, möge uns zu offensiven Strategien echter Kommunikation und menschlicher Zusammenarbeit inspirieren.

    III Zeitgenössische Kunst als Horizonterweiterung

    Ein ebenso großes Anliegen wie die Fragen rund um das Thema Integration ist mir die kirchliche Gastfreundschaft gegenüber zeitgenössischer Kultur. Im Bereich der Bildenden Kunst kann ich etwas an Kompetenz in das viel zitierte Dialogfeld Kunst & Kirche einbringen. 1999 haben wir in unserer Pfarre mit der Initiative AndräKunst begonnen. Wir versuchen zeitgenössische Kunst in den Kirchenraum und in die Liturgie einzubeziehen. Diese Interventionen haben selbstverständlich nicht nur Zustimmung ausgelöst, sondern auch Irritationen und Verstörungen. Der Großteil der Erwartungen der Kirchengemeinde, was die Auswahl der präsentierten Kunst betrifft, wurde enttäuscht. Ich wollte nicht etablierte Kirchenkunst (mit der vielfach sehr fragwürdigen Qualität) zeigen, sondern einen Dialog mit der tatsächlich aktuellen Kunstszene führen. Diese Grundentscheidung produziert Spannungen, die Freiräume und Kommunikation benötigen, um fruchtbar gemacht zu werden. Vermittlungsarbeit ist für das Gelingen dieses Dialogprojektes entscheidend. Leider hat diese bisher nicht immer im ausreichenden Maß stattgefunden, obwohl ich teilweise in Predigten und oftmals auch nach den Gottesdiensten zu den aktuellen Kunstarbeiten in der Kirche Stellung beziehe und versuche, Wege einer konstruktiven Auseinandersetzung aufzuzeigen. Das Moment der Verstörung, bzw. der Verunsicherung hat selbstverständlich eine positive Bedeutung. Ent-Grenzung zulassen, durch gezielte ästhetische Störungen eine Weite des Herzens und eine Fähigkeit zur Begegnung mit dem Anderen erlernen, die profane Welt in ihrer Schönheit und Verletztheit wahrnehmen und in all dem als Einzelperson und gemeinsam als katholische Pfarre und Gemeinschaft sensibler, berührbarer und damit auch geistlicher werden.

    Zunehmend vergrößert sich die Gruppe der Interessierten, die mit wesentlich weniger Vorbehalten in den Kunstdialog einsteigen, als dies in den ersten Jahren der Fall war. Außerdem wächst für diese eindeutig kirchliche Kunstinitiative in Graz das Interesse von Leuten, die im aktuellen Kulturgeschehen beheimatet sind, aber keineswegs einen traditionellen, positiven Kirchenbezug haben. AndräKunst ist damit eine Form christlicher Gastfreundschaft, die für alle Beteiligten eine Bereicherung darstellt. Die Kirche bindet sich durch ein oftmals auch anstrengendes Sich-selbst-Konfrontieren mit zeitgenössischer Kunst in einen öffentlichen Diskurs ein. Menschen erleben durch diese Öffnung Kirche als einen attraktiven und vitalen Ort. Es finden Begegnungen statt und nicht selten werden verhärtete, ablehnende Positionen relativiert. Das Kunstengagement unserer Kirche ist Gott sei Dank in unserer Diözese nicht auf unsere Pfarrgemeinde beschränkt. Es gibt viele, schon wesentlich länger und professioneller agierende Dialogschienen mit zeitgenössicher Bildender Kunst wie das Kulturzentrum der Minoriten und die pastorale Kulturarbeit der Katholischen Hochschulgemeinde, um nur zwei davon zu nennen. Das Kunstengagement ermöglicht nicht wenigen Leuten eine überraschende und meist positive Kirchenerfahrung. Auch die Neugierde nach dem, was geistig und spirituell dahinter steht, wird geweckt: Wie und warum kann das Christentum und speziell auch die katholische Kirche Impulsgeber und Austragungsort für zeitgenössisches Kulturschaffen sein? Sie kann es sein, wenn sie autonome Kunst in ihren wesentlichen Gründvollzügen unterstützt und den nötigen Freiraum dafür einräumt. Ich zähle dazu: Provokation, Sympathie und Transformation. Mit „Provokation“ als erste Aufgabe von Kunst ist nicht gemeint, dass Kunst immer als antibürgerliches Ärgernis auftreten müsste. Auch wenn das gelegentlich seine Berechtigung hat. Provokation beschreibt also nicht das Auslösen von einem oberflächlichen Bürgerschreck, sondern ein – im Wortsinn des Lateinischen provocere – Herausgerufen werden aus einer falschen Engstirnigkeit, aus Intoleranz, aus einer falschen Saturiertheit, usf. Gegen jede Form geistiger und geistlicher Erstarrung passiert durch Kunst ein Angerufen-werden, zumindest für den, der sich rufen lässt. Die zweite Aufgabe von Kunst ist, dass sie durch ihre spezifische Erfassung von Wirklichkeit dem Betrachter die Möglichkeit eröffnet, sich eine „sympathische“ Grundhaltung anzueignen. Sympathie, das Wort aus dem Griechischen, bedeutet: Mit-Leiden, Mit-Empfinden, Einfühlungsvermögen oder ähnliches. Aus Erfahrung weiß ich, dass durch qualitätsvolle Kunst, speziell aufgrund ihrer diagnostischen, analytischen und bisweilen prophetischen Dimension, die Aufmerksamkeit für die bedrängenden Fragen der Zeit und für die unterschiedlichen Facetten gesellschaftlicher Realität wächst. Kunst ist eine Hilfestellung zum Verstehen der bisweilen bedrängenden Fragen einer Zeit. Kunst ist eine permanente Schule der Aufmerksamkeit, wenn sie als Dialogpartner ernst genommen wird. Die dritte Grundaufgabe ist die der Verwandlung. Es geschieht durch den Umgang mit Kunst ansatzweise ein geistiges Wachsen, eine gelegentlich auch spirituelle Weiterentwicklung, kurzum eine Transformation des Menschen, der sich in ein ehrliches Schauen hineinbegibt. Es ist meine Grundüberzeugung, dass mit jeder Person, die in ihrem Innersten durch eine Begegnung berührt wird, etwas Positives passiert. Begegnung verändert. In der Koalition von Kunst & Kirche, die hoffentlich auch in Zukunft nicht eine von gesellschaftlichen Verlierern ist, liegt ein Potential, das noch längst nicht ausgeschöpft ist. Es ist ein Lernprozess, für den ich jedenfalls auch persönlich sehr dankbar bin und der mein Leben bereichert.

    IV Das Evangelium von Jesus zu den Menschen bringen

    Im schon skizzierten Lebensumfeld unseres multireligiösen Stadtteils mit den schon erwähnten sozialen Herausforderungen und den vielfältigen kulturellen „Bruchstellen“ erkenne ich immer deutlicher die Notwendigkeit, dass die Botschaft der Kirche – die gelebte und verkündete – ein klares Profil hat. Das lässt sich jedoch nicht mit offiziellen Stellungnahmen und Erklärungen offizieller Religionsvertreter allein bewerkstelligen. Es braucht Menschen, die darüber Auskunft geben können, was sie wirklich bewegt, was sie persönlich erfahren haben, was sie glauben und wofür sie leben. Der immer wieder geforderte und Gott sei Dank auch zumindest ansatzweise stattfindende interreligiöse Dialog der ReligionsvertreterInnen ist notwendig, aber er ersetzt nicht die Kommunikation auf der Basis der einfachen Leute in den Wohnhäusern und Siedlungen. Nebenbei bemerkt: Was das konkrete Zusammenleben der Menschen betrifft, sind es meiner Erfahrung nach ja nicht die religiösen Themen und Konfliktpunkte, die Unruhe und Unverständnis erzeugen, sondern unterschiedliche Lebensgepflogenheiten, von Herkunft und Milieu bedingt. Der Lärm im Stiegenhaus und in der Nachbarswohnung, der Umgang mit anfallendem Müll, das Nichtverstehen und Sich-verständlichmachen-Können aufgrund mangelnder Sprachkenntnis, sowie ein Auftreten von teilweise aggressiv wirkenden Kleingruppen, das Bedrohungsängste auslöst, das sind kurz und knapp aufgezählt die Probleme der Leute mit den Ausländern. Trotzdem glaube ich, dass wir voneinander viel lernen können und es zur Relativierung der Ängste vor allem eine bessere Kenntnis voneinander braucht und die nötige Portion Mut und Zivilcourage, dass anstehende Probleme auch wirklich angesprochen werden. Darüber hinaus jedoch, glaube ich, dass eine Vergewisserung über das Eigene, die eigene Kultur und Religion ebenso einen wichtigen Baustein darstellt, dass Menschen miteinander gut leben können. Wem die eigene Religion nichts wert ist, der wird auf Dauer auch die der Fremden nicht achten. Die eigenen Glaubensüberzeugungen brauchen wieder Profil. Daran ist zu arbeiten, damit nicht ganze Bevölkerungsteile zu geistigem Treibgut werden von Meinungsmachern, Populisten und oberflächlich agierenden Medien. In den wesentlichen Fragen sollen Menschen miteinander kommunizieren können. Was glauben Sie eigentlich? Zur Beantwortung dieser Frage braucht es kein Kirchenhochdeutsch und eingelernte Sätze, sondern die Auskunft in einer normalen Alltagssprache über eine menschlich nachvollziehbare Erfahrung, ungekünstelt und verständlich. Dass es „Irgendetwas Höheres schon geben wird“ reicht nicht aus, wenn eine tragfähige Basis für ein Leben mit allen Höhen und Tiefen gefragt ist. Im Zusammenleben von Christen und Muslimen, deren Religionsgemeinschaften in allen Städten Europas verhältnismäßig rasch anwachsen, wird trotz einer weitgehend säkularisierten und agnostischen Grundstimmung in der Gesellschaft auch die Frage Was bedeutet Christsein wirklich? wieder aktuell. Was verstehen wir unter einer doch noch vorhandenen christlichen Prägung unserer Kultur? Die vielfach diagnostizierte religiöse Sprachbehinderung in unserer Gesellschaft sollte aufgehoben werden, wenn uns die vielfach erwähnten christlichen Wurzeln unseres Kontinents doch noch interessieren. Seit einigen Jahren veranstalten wir den Alpha-Kurs, einen Glaubenskurs für Erwachsene, der weltweit bereits Millionen von Menschen angesprochen hat. Entwickelt wurde der Alpha-Kurs in der anglikanischen Kirche und hat sich von London aus mittlerweile in allen christlichen Konfessionen als ein geeignetes Werkzeug erwiesen, um in einer zeitgemäßen, sympathischen Weise in das Wesentliche des christlichen Glaubens einzuführen.

    Ich hatte als Kind und junger Mensch den Startbonus, in einer christlichen Familie aufzuwachsen, in der ein einfaches, gelegentlich hartes Leben am Bauernhof mit dem Zeugnis eines lebensnahen, authentischen Glaubens verbunden war. Ich verdanke meinen Eltern diesbezüglich sehr viel. Darüber hinaus hatte ich als Jugendlicher die Möglichkeit, an einem charismatischen Glaubenskurs teilzunehmen. In diesem Kurs wurde über die Person des Jesus von Nazaret, über sein Leben und seine Botschaft in einer lebensnahen, ich möchte sagen „dreidimensionalen“ Weise gesprochen, die mich zutiefst bewegt hat. Der Ertrag dieser Tage war für mich die Gewissheit, dass ich an einen lebendigen Gott glauben kann und dass Glaube zuallererst Kommunikation bedeutet und nicht das Aufzählen Können von Katechismussätzen. Ich habe meine Taufe damals zum ersten Mal bewusst erneuert. Die Begegnung mit einem menschlich so nahen Gott, die mir in diesen Tagen geschenkt wurde, hat mein Leben geprägt. Ich habe erfahren: Gott ist anwesend. Das ist die Kraftquelle meines Lebens geworden. Er ist so sehr anwesend, dass ich nicht aufhören kann, an ihn zu glauben. Im Grunde hat mich diese kindliche Vorstellung von Gottes Präsenz, die durch nichts zu überbieten ist, getragen. Und trotzdem hat auch der Nicht-Glaubende – wenn es nicht ein Atheismus aus Bequemlichkeit oder Hochmut ist – mit seiner Argumentation Recht. Wer könnte ihn belehren? Ich weiß, dass es das Leiden an Gottes Abwesenheit gibt, die Sehnsucht nach einer wahrnehmbaren Gottesnähe, die jedoch unerfüllt bleibt. Ich versuche Freunde zu verstehen, die Gott, wenn überhaupt, nur als Abwesenden in den Blick bekommen. Ich möchte Christsein mit einer echten Überzeugung des Herzens und zugleich mit einer echten geistlichen Solidarität mit denen, die suchen und möglicherweise ihr Leben lang nicht finden

    Trotz der Infragestellungen des Glaubens durch die vielen Gesichter des Leidens und der Entstellung des Menschen durch den Menschen, hat mich die Gewissheit nie verlassen, dass Gott ein Herz für jeden Menschen hat. Als Theologiestudent hatte ich das Glück, in Frankreich die Communauté de l´Emmanuel, eine internationale katholische Gemeinschaft kennen zu lernen, in der ich nun schon seit vielen Jahren geistlich beheimatet bin. Durch die Gemeinschaft Emmanuel, deren Grundcharisma in einem vielfältigen Apostolat, d.h. im Lebenszeugnis für einen Gott der Barmherzigkeit liegt und durch zahlreiche andere christliche Gruppen und Einzelpersonen habe ich erfahren, dass es eine von Gott geschenkte Erneuerung von Kirche und Gesellschaft im 20. und 21. Jahrhundert gibt. Mein Priestersein hat dadurch für mich auch eine starke missionarische Dimension bekommen. Selbstverständlich hat sich der Begriff einer christlichen Mission in den letzten Jahrzehnten wesentlich verändert. Es geht um eine gemeinsame Suche nach der Wahrheit, die wir als Menschen nie besitzen werden, aber es geht um eine Suche, die auch vor dem Finden nicht zurückschreckt. Wie es von den ersten Christen heißt, können auch wir nicht schweigen über das, was wir gesehen und gehört und mit eigenen Händen angefasst haben. Wirkliche Mission, die den Menschen achtet und die Bezeichnung christlich verdient, ist immer eine dialogische. Ich lerne von allen Menschen, mit denen ich zusammen sein darf und für die ich Verantwortung übernommen habe. In allen meinen Aufgabenfeldern interessiert mich jedoch das bewusste Hereinnehmen des Evangeliums von Jesus: Mensch fürchte dich nicht! Es gibt über dein Versagen und Sterben hinaus einen größeren Horizont. Dein Leben macht Sinn, wenn du dich nicht zurückhältst, sondern wenn du dich verschenkst. Es gibt einen Gott, der dich liebt und annimmt weit über das hinaus,, was du selbst zu leisten vermagst. Das Kreuz steht dafür, dass die Liebe stärker war als aller Hass dieser Welt. Das Sterben und Auferstehen Jesu hat die wirkliche Revolution gebracht, die die Welt prozesshaft verändert. Jetzt schon gibt es die Ahnung des Himmels, wenn du dich auch deinem Nächsten gegenüber als barmherzig erweist. Mit diesen und ähnlichen Worten kann man die Botschaft zusammenfassen, die wir Evangelium nennen. Evangelisation meint das Ankommen dieser Botschaft bei den Menschen. Darin liegt seit der Zeit der Apostel die grundlegende Mission von Kirche, die viel an Kreativität und Engagement erfordert. Authentisch von Gott zu reden und in einem entsprechenden Leben seine Gegenwart zu bezeugen, ist vordringliche Arbeit an der Zukunft unserer Gesellschaft und Welt. Wir als Kirche haben den Auftrag, inmitten einer sich verschließenden Welt ein größere Hoffnung zu bezeugen. Wir dürfen uns nicht in falscher Bescheidenheit (kann auch in einem frommen Mantel daherkommen), aus falscher Furcht vor der Öffentlichkeit oder einfach aus Bequemlichkeit auf ein sicheres Territorium zurückziehen oder zurückdrängen lassen. Jeder einzelne Christ und die Kirche insgesamt sind Träger einer Hoffnung, die von Gott kommt. Der Kern christlicher Hoffnung ist das hartnäckige Festhalten am Glauben an die Auferstehung. Wäre Christus nicht auferstanden, so wäre unser Glaube ein leeres Geschwätz (Paulus), ist er aber auferstanden, dann sind alle Karten neu verteilt. Mit der Auferstehung Jesu hat sich das Verhältnis zum Tod verändert. Die Furcht vor dem Tod kann für den gläubigen Menschen niemals mehr Paradigma seiner Lebensführung sein. Gegen alle Formen der offensichtlichen und subtilen Verdrängung des Todes ist der Christ ein Realist. Er kann den Tod annehmen, weil seine Alles vernichtende Macht gebrochen ist. Der Glaube an die Auferstehung, ist die eigentliche revolutionäre Kraft des Christentums. Daraus entfaltet sich eine Widerstandskraft gegen jede Entstellung des Menschen, gegen jede Form der Ent-Würdigung und der gewaltsamen Unterwerfung des Menschen unter Marktinteressen u.a..

    Woher sonst gibt es eine Hoffnung, die stärker ist als menschliches Träumen und der Härte der Weltwirklichkeit auch tatsächlich stand hält? Ich vertraue persönlich sehr dem Wirken des Heiligen Geistes, sodass Pfingsten auch mein persönliches Hochfest ist. Seit meiner tiefen geistlichen Erfahrung als Jugendlicher trägt mich eine Freundschaft mit dem Heiligen Geist. Dieser Geist trägt und formt die Kirche, die ja immer weltlich und geistlich zugleich sein muss. Beide Dimensionen sind hundertprozentig notwendig und beide können, falls sie sich gegenseitig ausschließen, zur Falle und zum Vorwurf werden. Das eigentlich Katholische ist das und zwischen Welt und Gott. Die Spannung innerhalb dieser beiden Dimensionen ist das Faszinierende an Kirche. So wie Jesus von Nazaret, der absolut von Geist Erfüllte und menschlichste aller Menschen, angreifbar und mit den Sinnen erfassbar war, so ist ebenso die Kirche ein angreifbarer Organismus. Sie ist ein begrenzter, mit aufzählbaren Schwächen versehener Leib, der jedoch von Geist durchdrungen und damit gott-voll ist. Ich träume nicht von einer wünschenswerten Kirche, sondern ich sehe und beschreibe eine reale Gestalt von Kirche mit einem deutlich wahrnehmbaren Profil.

    Ich hoffe, dass man auch in Zukunft Kirche an einer gelebten Gastfreundschaft erkennen kann. Das bleibt zumindest eine spannende Herausforderung.

    Hermann Glettler, Oktober 2009